Feuerland
Der Arbeitstag lag hinter mir und ich nahm wie immer die Abkürzung durch den Stadtpark.
Ich kann nicht sagen, warum die hölzerne Parkbank mich ausgerechnet an diesem Tag stumm dazu einlud, einen Moment zu verweilen. Bisher hatte ich sie kaum wahrgenommen. Bestenfalls als vergammeltes Standardrequisit, wie es in jedem Park zu finden ist.
Gerade beugte ich mich über die Armlehne, um meine Tasche neben der Bank im Gras abzustellen, als jemand fragte: „Entschuldigen Sie bitte, dürfen wir uns für einen Moment zu Ihnen setzen?“
Überrascht sah ich auf und blickte in zwei Gesichter, die wohl schon weit mehr als siebzig Sommer erlebt hatten. Das Paar stand eng umschlungen vor mir, und während er mir ein Lächeln schenkte, das mich angenehm warm berührte, streichelte er ihr zärtlich mit der Rückseite des Zeigefingers über die faltige Wange. Das Ungewohnte dieses Bildes ließ mich einen Moment zögern, doch schließlich nickte ich und rutschte ans äußere Ende der Bank. „Ja, bitte, setzen Sie sich.“
„Wir danken Ihnen“, sagte er und half ihr dabei, sich langsam auf die Sitzfläche nieder zu lassen. Dann setzte er sich neben sie, legte ihr wieder den Arm um die Schulter und zog sie dicht zu sich heran. Mit der freien Hand strich er ihr über das schneeweiße Haar. Ich bemerkte gleichzeitig mit ihm, dass ich die Beiden unentwegt anstarrte. Das Gefühl, ertappt worden zu sein, ließ ein Prickeln auf meinen Wangen entstehen und ich drehte den Kopf schnell zur Seite.
„Junger Mann, wir scheinen Ihr Interesse geweckt zu haben. Das ist schön. Wir freuen uns immer, wenn junge Menschen sich für uns interessieren.“
Deutlich spürte ich, wie sich die Röte über mein Gesicht zog, als ich ihn wieder ansah.
„Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich. „Man sieht selten ein Paar in Ihrem Alter, das noch so zärtlich miteinander umgeht.“
Nun beugte sie sich etwas nach vorne, so dass sie mich an ihm vorbei ansehen konnte. Ihr Lächeln war ebenso warmherzig wie seines. „Wir leben in Feuerland“, sagte sie, dann lehnte sie sich wieder zurück und ließ sich von ihm weiter das Haar streicheln.
„Sie leben in Feuerland?“, fragte ich verblüfft. "Das ist sehr weit weg. Machen Sie hier Urlaub?“
Er lächelte nachsichtig. „Nein, nein. Wir wohnen hier in der Stadt, aber wir leben in Feuerland.“
Ich sah meine ausgestreckten Füße an und versuchte die Worte zu verstehen. Es gelang mir nicht.
„Entschuldigen Sie, wenn wir Sie verwirren. Ich möchte es Ihnen gerne erklären, wenn es Ihnen nicht zu langweilig erscheint.“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein, auf keinen Fall ist das langweilig. Im Gegenteil. Bitte, erklären Sie es mir.“
Er gab ihr lächelnd einen Kuss auf die Stirn, dann erzählte er: „Wissen Sie, woher der Name Feuerland kommt? Tierra del Fuego - Land des Feuers. Er stammt von den vielen Feuerstellen, die durch die Seefahrer entlang der Küste beobachtet wurden. Die Indianer benutzten die Feuerstellen als lebensnotwendige Wärmequelle. Das haben wir zum Leitbild unserer Ehe gemacht, als wir vor Zweiundfünfzig Jahren geheiratet haben. Wir haben ein Feuer angezündet, an dem wir uns wärmen können, das uns jederzeit Kraft und Leben spendet. Immer dann, wenn wir merkten, dass die Flammen niedriger wurden, legte einer von uns beiden einen Scheit nach. Es gab einige Stürme in unserem Leben und heftiger Regen versuchte es zu löschen, aber wir haben stets auf unser Feuer geachtet und es vor allen Einflüssen beschützt. Die Flammen sind nie verloschen, weil wir nie vergessen haben, dass wir in Feuerland leben. Und immer, wenn wir Menschen treffen, die so aussehen, als hätten sie ihr Feuer irgendwann ausgehen lassen, erzählen wir ihnen von Feuerland.“
„Denken Sie, ich hätte ein Feuer ausgehen lassen? Wie kommen sie darauf?“
Nun beugte sie sich wieder lächelnd nach vorne. „Hätten Sie sich sonst über uns gewundert?“
Als ich nach Hause kam, ging ich zu Karin in die Küche, umschlang sie von hinten und küsste sie in den Nacken. Sie drehte sich um und sah mich überrascht an. Ich nahm sie in den Arm und gab ihr einen langen, zarten Kuss.
„Was ist denn mit dir los? Und … und wo warst du so lange?“
„Ich war in Feuerland“, sagte ich. „Kennst du Feuerland?“




