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Aktueller Thriller

Das Skript
Psychothriller
390 Seiten
Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

Das Skript
Hörbuch, autorisierte Lesefassung
6 Audio CDs
ISBN: 978-3839811085
Argon

 


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Tod eines Klaviers

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Betont langsam, fast schlendernd, betrat Martin das Wohnzimmer.
Vor Nathalie blieb er stehen und wartete geduldig, bis sie den Blick von ihrem Buch losriss und zu ihm aufsah.
Wortlos hielt er ihr den kleinen Zettel entgegen. Sie warf einen kurzen Blick darauf und sah ihn dann wieder an.
Fragend.
Die Erklärung einfordernd, die das Überreichen eines Zettels begleiten sollte.
Er blieb sie ihr schuldig. Stand nur da mit ausgestrecktem Arm und sah ihr in die Augen.
„Was ist das?“
Ihre Frage schien die Starre in seinem Gesicht zu lösen.
Ein Lächeln umspielte plötzlich seine Mundwinkel.
Ein seltsames Lächeln.
Es erreichte die Augen nicht, verlor sich irgendwo auf dem Weg über das Gesicht und ließ seinen Blick weiterhin ausdruckslos auf ihr ruhen.
Mit einem Anflug von Genugtuung registrierte Martin die in ihr aufkeimende Beklemmung, als sie schließlich zögernd nach dem Zettel griff.
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und wartete, während sie das kleine Blatt auseinander faltete und las.
Er beobachtete sie genau. Wollte kein Zucken ihres Gesichts verpassen, wenn die Erkenntnis über den Zettel ihr eine Faust in den Magen bohren würde.
Sie zuckte nicht. Nur ihre Augen veränderten sich.

Wie ein Trauerflor legte sich ein Schleier über die blauen Pupillen, die in glücklichen Momenten strahlen konnten wie Diamanten.
Als sie den Zettel sinken ließ, senkte sich mit ihm auch ihr Blick.
„Geliebte Nathalie, die letzte Nacht war das Wunderbarste und Zärtlichste, das ich je erlebt habe. Dein Horst“, wiederholte Martin das, was sie gerade gelesen hatte, mit übertreibenem Singsang in der Stimme.
Sie sah ihn nicht an.
„Warum?“, fragte er tonlos.

Dann, als sie nicht antwortete, noch einmal: „Warum, verdammt?“
Dieses Mal schrie er.
Tränen standen in ihren Augen, als ihr Blick sich schließlich auf ihn richtete.
„Martin, können wir nun endlich einmal miteinander reden?“
„Scheiß aufs Reden! Sag mir, warum.“
An seinen Schläfen traten kleine Äderchen hervor.
Als sie nicht sofort antwortete, drehte er sich mit einem Ruck um und verließ stampfenden Schrittes den Raum.
Sein Weg führte ihn durch den schmalen Flur in die Garage. Dort griff er seine schwere Werkzeugkiste und ging zurück ins Haus.
Sekunden später stieß er die Tür von Nathalies Musikzimmer auf. Schnaufend stand er im Eingang, die linke Hand gegen den Türrahmen gepresst, als müsse er sich daran abstützen.
Dort, in der Mitte des Raumes, stand ihr Heiligtum. Die Strahlen der schräg einfallenden Sonne wurden von dem makellosen, schwarzen Lack des Klaviers reflektiert und tauchten es in ein überirdisch scheinendes Licht.
Martin machte einen großen Schritt in den Raum und stellte die Kiste scheppernd auf dem Boden ab.
Dann schloss er die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel um.
Wieder legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Dieses Mal jedoch glänzten die Augen. Vorfreude spiegelte sich darin, während er zu dem Klavier ging und mit der Hand langsam über die glatte Fläche strich.
„Du gutes Stück“, flüsterte er dabei, „ich müsste dir jetzt sagen, es wird nicht weh tun und ist schnell vorbei, aber das kann ich nicht. Im Gegenteil! Es wird sehr schmerzhaft, dafür werde ich sorgen.“
Er klappte den Deckel hoch und ließ die Finger spielerisch über die Tasten gleiten, ohne dabei einen Ton zu erzeugen.
Dann griff er einen Hammer aus der Werkzeugkiste und wog ihn in der Hand.
Ja, der war genau richtig. Nicht zu schwer und nicht zu leicht.
Kurz schloss er die Augen, dann schwang er den Hammer weit über den Kopf und ließ ihn mit aller Kraft niedersausen.
Die Töne der brechenden Tasten hörten sich wie Schmerzensschreie an. Für Martin klang es wie der Auftakt einer befreienden Symphonie.
Wieder drosch er den Hammer nieder und ergötzte sich am Schrei des gequälten Klaviers. Und wieder.
Immer schneller wurde der Takt, immer treibender der Rhythmus der kläglichen Töne.
Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, sein Gesicht glich nun einer Fratze.
„Na, wie findest du das? Spürst du, dass du sterben musst, ja?“
Er stieß die Worte zwischen den Schlägen heraus und sie vermischten sich mit dem Krachen des Hammers und dem Schreien des Klaviers zu einer Partitur des Wahnsinns.
Er bemerkte nicht, dass an der Tür gerüttelt wurde. Er hörte nicht die Rufe seiner Frau.
Als die Tatstatur nur noch ein Trümmerfeld aus zerbrochenen weißen und schwarzen Stücken war, wandte er seine Aufmerksamkeit dem Deckel zu.
Kleine Fetzen abgeplatzten Lackes sausten wie Geschosse durch das Zimmer. Sie trafen ihn im Gesicht, doch es war ihm egal. Wie ein Besessener drosch er auf das Klavier ein.
Immer und immer wieder. Die Schläge erzeugten Risse in der edlen Oberfläche, die zu Löchern wurden.
Immer wieder.
Zehn Minuten dauerte das Sterben des Klaviers.
Dann ließ Martin den Hammer fallen und betrachtete sich schwer atmend den zertrümmerten Leichnam aus Holz und Metall.
Ein Gefühl der Befreiung breitete sich in ihm aus. Sekundenlang nur, dann folgte eine dumpfe Leere.
Marionettengleich drehte er sich um, ging zur Tür und öffnete sie.
Nathalie war nicht zu sehen, aber auf dem Boden lag ein Zettel. Er war größer als [i]der Zettel[/i].
Langsam bückte er sich, hob ihn auf und las:

Leb wohl!
Du wolltest wissen, warum.
Ich will es dir sagen:

Er würde nie versuchen, mich zu töten.

copyright 2011 by Arno Strobel